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Julia im STANDARD!

Vor Kurzem durfte ich dem STANDARD ein Interview zum Thema Sexarbeit geben. Mir wäre es recht gewesen, den Artikel sowohl mit meinem Namen als auch mit Fotos von mir zu publizieren, aber der Redaktion war es wichtig, dass es ein rein fachbezogener Text bleibt, der keine Werbung für eine bestimmte Sexarbeiterin macht.


Das ist natürlich verständlich und so sei ich also Sarah und bereits 23 Jahre alt. Der Artikel dreht sich rund um die Diskriminierung von Sexarbeitenden und die Gesetzeslage in Österreich. Viele Kommentare der Leserschaft haben mit dem Inhalt unseres Interviews jedoch so gut wie gar nichts tun. Zwischen "Mimimi privilegiert", "Also wenn das meine Tochter wäre..." und "Unterschied Nobelescort und normaler Escort" ist alles dabei.


Zu bestimmten Punkten möchte ich mich jedoch gleich äußern:


1. Die Preisuntergrenze für 150€/h für Sex

Diese Idealvorstellung scheint auf den ersten Blick nicht machtbar, weil die Sexarbeit ein sehr oberflächliches Geschäft ist. Wenn die Dame 60+ ihren Preis auf 150€/h setzen würde, so hebt die Sexarbeiterin Mitte 20 ihren Preis einfach auf 350€/h. Sexualität ist ein Menschenrecht - es ist jedoch kein Menschenrecht, den Körper von anderen für das Ausleben ebenjener zu verwenden. Wer es sich nicht leisten kann, hat leider Pech gehabt - ich fahre auch nicht mit einem Porsche zur Uni, nur weil mit den Öffis zu fahren weniger Spaß macht. Außerdem bieten manche Damen auch 15-min-Sex an - das wären an meiner Untergrenze orientiert um die 38€.


2. "Diesen Beruf als Berufung zu bezeichnen, erschließt sich mir nicht."

Wie alle werden von unterschiedlichen Dingen bewegt. Wir alle haben unterschiedliche Leidenschaften, Wünsche und Hobbys. Was für Bernadette Lang beispielsweise ihre Beziehung zu Gott bedeutet, ist für mich die menschliche Sexualität. Ich liebe Menschen, ich liebe Nähe, ich liebe Sex. Ich könnte mir keine schönere Tätigkeit als die Sexarbeit vorstellen. Gerade in meiner Arbeit mit alten und behinderten Menschen im Rahmen der Sexualbegleitung kann man wirklich von einer Berufung sprechen. Auch die Wertschätzung, die man während der Sexarbeit (im Hochpreissegment - im Niedrigpreisbereich schaut es leider oft anders aus) bekommt, ist wunderschön.


3. "Ich kenne auch so eine "Nobel-Escort" Dame und deren Umfeld kann man halt mit normaler Sexarbeit wirklich schwer vergleichen..."

Der Kommentar hat nicht ganz unrecht. Mein Klientel besteht aus Menschen, die Frauen fördern und unterstützen wollen, die bereit sind, mehr zu zahlen und denen es wichtig ist, dass es mir bei der Arbeit gut geht. Diese Umstände sind im Niedrigpreissegment, in denen Menschen teilweise wie Waren behandelt werden, oft einfach nicht gegeben. Aber darum geht es in dem Artikel auch gar nicht - es geht um Alltagsdiskriminierung und die Gesetzeslage in Österreich. Doch ob Nobelescort oder nicht - im Endeffekt ficken wir alle für Geld. So what?


4. "Ich verstehe nicht, wie man Sexkaufen nach wie vor als akzeptabel ansehen kann. Wie kann man bitte Sex mit jemandem wollen, der gar keine Lust auf Sex mit einem hat und es nur des Geldes wegen macht?! Beiderseitige Lust sollte mMn NICHT als optional angesehen werden. Insofern: Klares Ja zum Nordischen Weg!"

Natürlich empfindet nicht jede Sexarbeiterin während der Arbeit Lust. Meine Haushälterin - der ich übrigens auch mehr als doppelt so viel zahle als sie verlangt, weil ich Niedriglöhne generell menschenverachtend finde - hat aber auch keine Lust, meine Toilette zu putzen oder meine Socken, die ich in meiner ganzen Wohnung verstreue, aus allen möglichen Furchen zu ziehen. Trotzdem macht sie es. Für Geld. Willkommen in der Realität, in der die meisten Menschen für Geld arbeiten.


5. "Was für eine unglaubliche Schönfärberei

für eine normalerweise absolut unwürdige und mit unterschiedlichster, massiver Gewalt verbundene "Tätigkeit". Aber ich weiß, damit ziehe ich mir den Zorn der ach so liberalen und freigeistigen Mehrheit zu."

Ich finde es spannend, wenn Menschen, die sich nicht mal mit Sexarbeitenden austauschen, solche Behauptungen aufstellen. Ich bitte euch, sprecht mit uns! Geht in Bordelle, fahrt zum Straßenstrich, redet mit den Dienstleistenden, über die ihr solche Gerüchte verbreitet. Die "massive Gewalt" geht von der Gesellschaft aus, die uns auf brutale Art und Weise stigmatisiert.


6. "Nobelescort und Prostitution sind für mich zwar ähnlich aber dann doch nicht zu vergleichen."

Klar gehören zu meiner Tätigkeit auch exklusive Veranstaltungen, Abendessen und Opernbälle. Geht die Hotelzimmertüre zu, mache ich jedoch nichts anderes als meine Kolleginnen im Niedrigpreissegment. Nackte Haut, Stöhnen, Körperflüssigkeiten, Sex. Auch ein Multimillionär hat auf seiner Stirn nicht "High Society" stehen, wenn ich zu ihm hochschaue und mir sein Schweiß ins Gesicht tropft. Nobelescort-Damen sind Prostituierte. Sexualbegleiterinnen übrigens auch.


7. "Ich finde alle Körper – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Gewicht – schön."

...soll wohl heißen: "mir graust`s vor nix""

Das stimmt so ungefähr, ja. Das Vorurteil bzgl. der Prostituierten, die sich weinend mit kochend heißem Wasser abduscht, um sich nicht beschmutzt zu fühlen, ist genau das - ein Vorurteil. Wenn jemand auf Hygiene achtet, graust's mir weder vor dem Körpergeruch, noch vor dem Speichel oder dem Schweiß meiner Kundschaft. (Und im Sommer wird viel geschwitzt, da ist man nach dem Sex klitschnass!) Ich ekele mich auch nicht vor Sperma oder den Fäkalienresten der Kundschaft, mit denen ich beim aktiven Analsex immer wieder in Berührung komme.


8. "sie hatte vermutlich irgendeine einschneidende Missbrauchserfahrung und macht als Bewältigung derselben jetzt Sexarbeit, in der sie diese Erfahrung aufarbeitet, indem sie Männer dafür bezahlen lässt und ein positives Gefühl über die eigene Begehrlichkeit zurückgewinnt."

Eh, nö. Ich habe nicht mehr sexuelle Gewalt erfahren als jede andere Frau in Österreich - ein bisserl was halt. Es muss nicht immer alles so tiefgründig sein, manche Leuten haben einfach gerne viel Sex.


9. "Meine Hochachtung vor Sarah und ihrem Zugang zu dieser Thematik, aber dieser Job hat so gar nichts mit Intimität zu tun."

Außenstehende sagen mir, womit mein Job zu tun hat und womit nicht. Spannend! Ich finde das schon recht intim, wenn ein Mann seine Zunge zwischen meine Vulvalippen gleiten lässt oder ich spüre, wie sein Penis sich in meiner Kehle hin- und herbewegt. Aber vielleicht kennt sich User XY da besser aus - ich bin ja schließlich nur eine Nutte.


10. "Ich liebe meinen Kanzler, aber die Verachtung dafuer ist schrecklich", Thomas S., H u r e der Reichen (oder hat das garnichts mit Sexarbeit zu tun?)

Auch wenn meine Berufsbezeichnung hier in einem abwertenden Kontext verwendet wird, muss ich sagen, dass ich diesen Kommentar wahnsinnig lustig finde. Ich konsumiere täglich politische Diskussionen und liebe Politsatire. Chapeau!


Keine Sorge - ich lese die meisten Kommentare mit amüsierter Distanziertheit. Zu meinem Interview gibt es auch ganz viele liebe und verständnisvolle Wortmeldungen und dafür bedanke ich mich natürlich.


Wer sich dafür interessiert, wie ich weitere Kommentare kommentiere, der klicke hier.

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